“Führt ein Schulfach Wirtschaft ein” – das fordert Prof. Dr. Dr. h.c. Hans Kaminski in einem Essay in der zweiten Ausgabe der Zeitschrift “enorm”. Und nicht nur dort. Der Herr Professor leitet, obschon das Pensionsalter längst überschritten, das Institut für ökonomische Bildung der Universität Oldenburg. Bereits in den 1970er Jahren hat er sich in seiner Dissertation mit wirtschaftsdidaktischen Fragen befasst, der sperrige Titel lautet “Grundlegende Elemente einer Didaktik der Wirtschaftserziehung – Wissenschaftstheoretische Voraussetzungen, Probleme der Curriculumentwicklung, Strategien zur unterrichtlichen Realisation.”
Kaminski argumentiert unter anderem, dass Kinder es früher denn je mit wirtschaftlichen Situationen zu tun bekommen (Stimmt). Er ist der Meinung, Verschuldung und unkritischer Konsum von Jugendlichen seien Anzeichen für Überforderung und fehlendes kritisches Verständnis (ach?) und überhaupt würde die Welt ja viel zu komplex, um ökonomisch ungebildete Konsumenten auf sie loszulassen. Der Professor weitet derlei Feststellungen sogar aus auf den – ohne ihn zu zitieren – “unmündigen Bürger” Kants, wenn er sagt, auch viele Bürger stünden der steigenden Komplexität wirtschaftlicher Strukturen und Prozesse mit geradezu beunruhigender Verständnis- und Orientierungslosigkeit gegenüber.
Soweit, so gut. Recht hat Kaminski, wenn er die These vertritt, dass Kenntnisse des Zusammenhangs von Systemstruktur und Systemoutput, also Kenntnisse grundlegender wirtschaftstheoretischer Hypothesen und wirtschaftssystempolitischer Konzeptionen helfen, Ursachen und Bedingungen der Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft zu erfassen.
Aber: Wenn der Herr Professor sich dann auf ethisches Terrain wagt, sträuben sich mir derartig die Nackenhaare, dass es nach Waldbrand klingt. Da unterscheidet er zwischen Individual”moral” (Also Normen, die bereits als “gut” und “böse” bewertet wurden – und die hier aber nicht wirklich etwas zu suchen haben. Denn es geht um die Handlungsebene – und die ist meines Erachtens in erster Linie wertfrei.), und einer, die ich behelfsweise Institutionen”moral” nennen will. Erstere bezeichnet die Leitlinie für das Handeln des Individuums, während Kaminski mit letzterer auf das Regelsystem und seine Anreizwirkungen innerhalb der Organisationsstruktur rekurriert. Kurz: auf das politische System.
Er behauptet, in den Schulen würde bislang vor allem das erste Modell implementiert. Sprich: Dort würde gelehrt, dass, wenn jeder sich moralisch verhält – Kaminski polemisiert hier, indem er die Problematik banalisiert und auf die Formel “Edel sei der Mensch, hilfreich und gut” verkürzt (scheinbar hat er noch nie von Weber oder Kant gehört… ) – dann wird auch die Gesellschaft eine gute sein. Seiner Auffassung nach – ist es dem Alter geschuldet, dass er nach wie vor dem zunehmend überholten Modell des homo oeconomicus anhängt? Schade, dass Herr Dahrendorf ihm nichts mehr wird entgegnen können! – reichen derartige individual”moralische” Appelle nicht aus, um epochaltypische Probleme wie zum Beispiel künftige energiepolitische Herausforderungen zu bewältigen.
Kaminski sieht die Lösung dieser Probleme lieber in Restriktionen und Anreizmodellen – denn dann wäre es nicht fehlendes “moralisches” Wollen, sondern die fehlende Anreiz- oder Belohnungsstruktur, die “moralisches” Handeln verhindert (Hervorherbung der Verfasserin).* Damit aber würde die Kategorie “Moral” auf der individuellen Ebene überflüssig.
So. Der Herr Professor kann das so sehen. Ich halte das aber für nicht überzeugend. Denn der Herr Professor entlässt damit den Einzelnen – jedes einzelne Individuum einer Gesellschaft! – aus seiner Verantwortung. Damit widerspricht er sich selbst: zuerst kritisiert er den unmündigen Bürger, der mit der Komplexität der wirtschaftlichen Strukturen überfordert ist. Anstatt jedoch für lückenlose Aufklärung zu plädieren, im Vertrauen darauf, dass der aufgeklärte Konsument die vernünftige – in seiner Kategorie: moralische – Entscheidung dann schon treffen wird – entmündigt er ihn sofort wieder. Denn wenn er mangelnde Anreizstrukturen beklagt, spricht er dem Individuum jegliche Reflexions- und Entscheidungsfähigkeit ab. Der Mensch ist demnach nie dazu in der Lage, das “moralisch” Richtige zu tun. (Wozu gibt es Ethik, als Reflexion über Moral?) Womöglich stellt ihm sein Menschenbild hier schlicht ein Bein?
Schade, dass Kaminski sämtliche Studien übersieht, die darauf hinweisen, dass “moralisches” Verhalten – gemeint im Sinne von: ein Handeln, dem Reflexion über die Handlungsmaximen vorausgegangen ist – dem Menschen nicht beigebracht werden muss, sondern seinem Wesen inhärent sein kann. Interessant ist auch, dass er in einer Welt, in der sich gerade ökonomische Zusammenhänge längst nicht mehr an nationale oder geographische Begrenzungen halten, stärkere Reglementierungen (nichts anderes sind Anreizstrukturen) fordert. Denn welcher Akteur, wenn nicht der Staat könnte diese durchsetzen? Nebenbei wäre hier noch zu fragen, wie denn zu gewährleisten ist, dass der Staat auch “echt” “moralische” Anreizstrukturen setzt. Oft genug hat sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten gezeigt, dass moral-hazard-Probleme (wunderbar gezeigt mit der der Tragik der Allmende) die besten Anreizstrukturen torpedieren und oft zum Gegenteil des Gewollten führen.
Indirekt fordert Kaminski also einen Bürger, der weiß, dass es seine Pflicht ist, zu konsumieren – und zwar ausschließlich so, wie der Staat es möchte. Es erinnert ein wenig an die Schöne neue Welt eines Aldous Huxley, wenn er damit sogar schon Schüler indoktrinieren möchte… denn, so sehr ich mir ein Schulfach “politische Ökonomie” wünsche, in der es tatsächlich um Aufklärung geht, so sehr bin ich der Auffassung, dass das Ziel nicht das sein kann, was Kaminski vertritt: den Schüler dazu zu bringen, ausschließlich so zu funktionieren, wie der Staat es möchte. Neben den hier kurz andiskutierten Schwierigkeiten ist das schlicht un”moralisch” – aber das ist meine persönliche Ethik, und somit eine Kategorie, deren Geltung der Herr Professor für seine Person durchaus bestreiten kann.
* Hier schließt sich die Frage an, um welche Inhalte der Moral es nun eigentlich geht. Welche Normen gelten? Und warum, will sagen: mit welcher Ethik – wer hat warum diese Normen als “gut” oder “böse” gewertet?
PS: Alle potenziellen Plagiate dieses Blogeintrags entstammen dem eingangs genannten Essay des Herrn Professors, ausgenommen die Verweise auf die zitierten Denker und Autoren (Kant, Weber, Dahrendorf, Huxley).